Die Urform des Riesling: Der „Rote Riesling“

Der Rebveredlungsbetrieb Antes hat im April 2008 im „Heppenheimer Eckweg“ und am Erlebnispfad Wein und Stein mit einem Hektar die vermutlich „weltgrößte“ Fläche der alten Rebsorte „roter Riesling“ gepflanzt. Der selbst vielen Winzern nicht bekannte rote Riesling gilt als Urform der Rebsorte.

Er unterscheidet sich von diesem durch die rötliche Beerenfarbe. Alle anderen Eigenschaften sind gleich. Der Beweis für die Abstammungstheorie: Man findet im roten Riesling häufig Mutationen (Farbsprünge, siehe Foto) zu weißen Beeren. Nie umgekehrt. Also ist die rote Version älter.

Die genaue Herkunft ist nicht geklärt. Erstmals ist er 1490 in der Nähe vom nur 20 km entfernten Worms erwähnt. Im Mittelalter standen roter und weißer Riesling im „gemischten Satz“ im gleichen Weinberg. Die autochthone (bodenbürtig, alteingesessen) rote Variante geriet aber langsam in Vergessenheit, denn sie ergibt „nur“ Weißwein. Vermutlich wurde ihre Verbreitung auch durch Vögel gebremst, die rote Beeren attraktiver finden und daher zuerst fressen. So gab es am Ende nur noch wenige Reben in alten Sortimenten Deutschlands und Österreichs.

Das Fachgebiet Rebenzüchtung der Forschungsanstalt Geisenheim arbeitet seit einem guten Jahrzehnt an dem „Wiederbelebungs“-Projekt. Die Rebveredlung Antes veredelte schon 1996 mehrere „Pilotreben“, die - an geheimer Stelle gepflanzt - beobachtet wurden. Es dauerte dann Jahre bis in Geisenheim aus wenigen Ausgangsreben ausreichend gesundes Vermehrungsmaterial herangezogen war. Der im Glas weiße Wein war in den ersten Tests voller im Geschmack als „normaler“ Riesling, etwas extraktreicher und hatte ein intensiveres Aroma. Von einer kleinen Pilotanlage wurden in 2007 erste 250 kg Trauben geerntet und sind zum „Jungfernwein“ fertig ausgebaut. Die gefüllten 180 Flaschen werden am kommenden Samstag (30.8.2008) beim Weinfest der Bergsträßer Winzer eG verkauft. Abgegeben wird pro Kunde nur eine Flasche, solange der minimale Vorrat reicht!

Alte Kulturpflanzen müssen der Nachwelt erhalten werden. Es gibt dafür mehrere Gründe, die alle auf dem „Erlebnispfad Wein und Stein“ (www.ErlebnispfadWeinundStein.de) in Heppenheim anschaulich gezeigt werden. Auf dem Heppenheimer Steinkopf sind in der Nähe einer Webcam alte Rebsorten mit ersten Trauben zu bewundern. Ziel des Weinbergs ist es, die genetische Vielfalt zu sichern (Agenda 21).

Alte rote Rebsorten aus dem Mittelalter könnten zudem bei der weiteren Klimaänderung überlegen sein, da sie wegen schützender roter Farbgrundstoffe in der Schale größerer Hitze besser trotzen als weiße. Durch spätere Reife bleiben sie auch länger gesund als heute übliche frühreife Sorten. In der mittelalterlichen Warmzeit war es deutlich wärmer als heutzutage. Damals war die Rebfläche in Deutschland mit 300.000 ha dreimal so groß wie heute und reichte bis zur Ostsee.

Vermutlich gab es von jeder wichtigen Rebsorte Spielarten mit blauen, roten und weißen Beeren. Beim Burgunder sind heute noch alle drei Farben von Bedeutung als blauer Spätburgunder, als Grauburgunder und als Weißburgunder. Es gibt weißen und roten Traminer, grünen und blauen Silvaner oder auch roten und gelben Chardonnay.

Der Erhalt dieser alten Sorten bietet also die charmante Chance, den Erhalt der genetischen Ressourcen mit den Anforderungen des Klimawandels und unserer mittelalterlichen Weingeschichte zu verknüpfen! Dies hat man an der Bergstrasse zunächst mit dem blauen Willbacher erfolgreich versucht, Nun folgt der rote Riesling, dessen Anbau zunächst nur an der Bergstraße und im Rheingau zugelassen ist.

2009 wird eine dritte Sorte gepflanzt, die einst an der Bergstraße Bedeutung hatte und unter anderem Namen heute sogar Weltruhm erlangt hat! Dieses Geheimnis wird bald gelüftet! Zur Zeit läuft in Deutschland ein dreijähriges Genprojekt, das zum Ziel hat, alte Sorten zu finden und für die Nachwelt zu sichern. In den letzten Wochen wurden dabei an der südlichen Bergstrasse von Rebsortenkundler Andreas Jung, der diesen Bundesauftrag ausführt, weitere Entdeckungen gemacht. Das Projekt ist vermutlich die letzte historische Chance, mittels „Rebsortenarchäologie“ Sorten vor dem Aussterben zu retten.

Auch im Ausland nimmt man sich dieser Aufgabe an. So waren Andreas Jung und Reinhard Antes kürzlich in der Region Grünberg (Polen), um im Auftrag dieser Stadt alte Sorten in Jahrzehnte lang verwilderten ehemaligen Weinbergen wiederzufinden.

Der neue Weinberg mit dem Rotem Riesling war übrigens kürzlich zugleich auch Schauplatz der Vorstellung eines neuen Geisenheimer Projekts durch Professor Hans Peter Schwarz (Fachgebiet Technik) und Dr. Rudolf Ries (Fachgebiet Rebenzüchtung). In den Reben sind nämlich Mikrochips implantiert, die eine sichere Wiedererkennung und Rückverfolgung der Pflanze im Weinberg sichern!

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